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„Gutes tun wollen“ reicht nicht

Warum wir bei unseren Geld-Entscheidungen die Wirkung  besser beachten müssen

Die Welt des Geldanlegens bewegte sich – ob bei privaten oder institutitionellen Anlegern – jahrzehntelang im wohlig sicheren zahlen-basierten Dreieck von Liquidität, Rentabilität und Risiko. Risk-Return-Ratios bestimmten die Gedanken und die Modelle. Eine im Grunde simple Welt, in der jedoch eine Frage zumeist keine Rolle spielte: „Was wird meine Geldanlage bewirken, außer eine möglichst hohen Rendite für mich zu generieren?“

Ja, und im Grunde meinten wir es alle gut, wollten das Beste. Kein Geld-anleger wollte bewusst Schlechtes tun – nun ja, vielleicht außer jenen, die auch in Waffen, Tabak und Pornos investieren. Denen war wurscht, was sie da finanzierten. Doch die gerieten in die Minderheit. Denn mehr und mehr wandten professionelle und private Anleger Ausschluss-Kriterien bei der Anlageentscheidung an. Ermutigt durch Erfolge bei der Niederzwingung des Apartheid-Regimes in Südafrika. Es waren die Boykott-Aufrufe ab Mitte der  70er Jahre, vor allem jene der Kirchen, die zu einem allmählichen Versiegen des Kapitalflusses nach Südafrika führten. Das erste Ausschluss-Kriterium: „Kein Geld für Rassentrennung“, war geboren. Doch nur „ausschließend“ zu reagieren reicht nicht.

„Lass uns Gutes tun mit unserem Geld“,

war die Devise der nächsten Generation von Anlegern, die ihr Geld nicht bei Banken, sondern direkt anlegen wollten. Mikrokredite gegen die Armut, Windenergie gegen die Luftverschmutzung, die Öko-Anleihe für den Bio-Bauern. Klingt  überzeugend, und allzu oft verzichtete man aus der edlen Gesinnung heraus dafür sogar auf den Ertrag. Man hätte mit dieser Motivation genauso gut eine Spende tätigen können. Denn man/frau stellte oft im moralischen Eifer alle anderen Überlegungen zu Risiken, Ertrag, Verfügbarkeit, zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen und nicht beabsichtigten Konsequenzen hinten an oder vergaß sie gar. Edel zwar, aber oft nicht zielführend. Vor allem, wenn wir – im Rahmen des Klimawandels – langfristig denken lernen müssen. Und dennoch, die alles entscheidende Frage war damit schon in die Welt gebracht:

Was möchte ich mit meinem Geld bewirken?“.

Nur die Absicht, Gutes zu tun zu wollen, reicht nicht, wie wir gesehen haben. Wir müssen völlig neu denken lernen. Das Pferd richtig herum, nämlich in dem Fall von hinten her aufzäumen. Unsere Geldanlage von der Zukunft aus angehen: „Wozu möchte ich einen Beitrag leisten? Was löst meine Geldanlage aus in dieser Welt? Welches Problem kann damit gelöst werden?“. Also nicht nur (zu kurz gegriffen) fragen, welches Ergebnis meine Geldanlage produziert, sondern welche Wirkung sie letztendlich verursacht. Diese essentielle Unterscheidung zwischen Ergebnis und Wirkung sollte uns übrigens jedes Mal leiten, wenn wir einen Euro in der Hand halten und entscheiden, was wir kaufen, anlegen, spenden, ausgeben, schenken, investieren.  

„Geld grün anlegen“

Gehen wir das für die Geldanlage am Beispiel von Tesla einmal durch. Als Marktführer in der Elektromobilität wäre diese Geldanlage für Sie doch eine ideale Investition in Nachhaltigkeit, oder? Klingt super, also investieren wir 10.000 Euro in 16 Tesla-Aktien. Ergebnis: Wir haben etwas für unsere Alters-Vorsorge getan, Tesla hat mehr Kapital zur Verfügung, kann mehr Elektroautos produzieren und unser Portfolio (und Gewissen) ist grüner geworden. Wirkung: Wenn das Elektroauto mit Öko-Strom „betankt“ wird, dann fahren wir in der Tat C02 reduziert, und haben eine positive Klima-Wirkung. Allerdings geht das auch in die andere Richtung: die Batterie im großen Tesla erzeugt bei deren Herstellung ca. 15-20 Tonnen CO2, wir haben also eine massive negative Klima-Wirkung, schon vor Inbetriebnahme. Darüber hinaus belasten der Rohstoffverbrauch von Karosserie und insbesondere der Batterie die Umwelt. Giga-Fabriken wie die in Brandenburg geplante verbrauchen Natur-Landschaft und senken den Grundwasserspiegel; die Arbeitsbedingungen in den Tesla-Fabriken bechreibt ein Arbeiter: „Everybody feels like the future but us“ (The Guardian, 18. Mai 2017).  

Ist Tesla also die richtige Geldanlage, wenn ich nachhaltig und grün anlegen will? Ehrlich gesagt, kann man das so nicht sagen. Sicher ist: nur auf das Ergebnis zu schauen, greift deutlich zu kurz. Die Wirkung muss mit einbezogen und letztlich von jedem Anlagewilligen persönlich bewertet werden. Was ist persönlich für Sie materiell, d.h. wichtig: „Wiegen die C02-Einsparungen die sonstigen Wirkungen auf oder nicht? Ist Ihnen das Klima und die Zukunft aller mehr wert als die Landschaft Brandenburgs oder die Arbeitsbedingungen einer Handvoll weniger Arbeiter?“ Da müssen Sie, und nur Sie, eine Antwort finden.

„Richtig bewerten“

Hey, dafür gibt es doch ESG-Rating-Agenturen und Grüne Labels, werden Sie nun sagen. Ohne im Detail darauf einzugehen (das werde ich demnächst in diesem Blog nachholen) nur so viel aus einer unverdächtigen Quelle, dem Wall Street Journal vom 17.9.2018: „…the ESG ratings … are used as though they were some sort of objective truth. In reality they are no more than a series of judgements by the scoring companies about what matters – and investors who blindly follow their scores are buying into those opinions, mostly without even knowing what they are.“

Also, das eigene Denken, die eigene Entscheidung nicht blindlings delegieren, das gilt für private Geldanleger als auch für jeden Asset- und Risiko-Manager in Kapitalsammelstellen wie Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften. Was tun, um die richtige, d.h. die für Sie selbst und den Planeten optimale Entscheidung zu treffen und damit den gewünschten und richtigen Impact zu erreichen? Dazu müssen wir in Geldangelegenheit die gewohnten Denk- und Verhaltensmuster verlassen und uns auf einen neuen Weg begeben: „Sich im Klaren sein“ (Schritt 1) und „Das Richtige wissen“ (Schritt 2).

Schritt 1: „Was will ich wirklich?“

Sich klar werden über seine eigenen Motive und Triebkräfte. Sich klar sein über die eigenen Werte und über den eigenen Kompass, der uns leitet. „Wo ist mein persönliches Norden“? Was sagt Ihnen Ihre Intuition, ihre innere Weisheit? Welche Zukunft haben Sie vor Augen? Sehen Sie in diesem Bild auch Ihre Kinder und Enkel in einer lebenswerten Umwelt leben? Beziehen sie bei diesem Schritt ausdrücklich auch Ihre Intuition und Ihre Gefühlswelt mit in die Entscheidungsfindung ein. Das ist viel mehr als das Bauchgefühl! Reflektieren Sie Ihre Intuition, dann ist Ihre emotionale Erfahrungswelt eine unerschöpfliche Quelle, zu der Sie mit Mitteln der Achtsamkeit Zugang finden.

Mindful Finance bringt inneres Wissen in die Beziehungen zu Geld und Finanzen. Mithilfe von Achtsamkeit können Geld und Finanzen eine Quelle der Selbsterkenntniss, des Wohlbefindens und der Nachhaltigkeit werden.

Für alle Asset- und Risikomanager, die nun lächeln mögen, ein Lese-Tipp. „Behavioural Finance“, seit den 60er Jahren so was wie die wissenschaftliche Fundierung von Finanzentscheidungen, ist inzwischen in der „Second Generation“ (Meir Statman) angekommen und bezieht emotionale Erwägungen explizit mit ein. „Second-generation behavioral finance says that normal people buy lottery tickets for the expressive benefits of being “players” with a chance of winning, the emotional benefits of the hope of winning, and the utilitarian benefits of the minuscule chance of winning.“ (M. Statmann, Behavioural Finance – The second generation, 2019, S. xii). Also – nur Mut, erkunden Sie vor Geld-Entscheidungen auch Ihre Intuition und Emotion.

Schritt 2: „Was weiß ich wirklich?“

Fakten beschaffen, darauf aufbauend die Wirkungen bewerten und auch die ungewollten Auswirkungen in das Kalkül miteinbeziehen, das ist Ihre Aufgabe. Wer verantwortlich anlegen will, muss Zusammenhänge kennen, muss die beabsichtige und unbeabsichtigte Wirkung bei der Entscheidung nüchtern und vorurteilsfrei berücksichtigen.

Wussten Sie, dass selbst eine massiv ausgebaute E-Mobilität den Temperatur-Anstieg bis 2100 lediglich um nur wenige Zehntel Grad verringern kann? Bei jährlich derzeit ca. 100 Mio Neuzulassungen weltweit an Verbrennungsmotoren-PKW wird es Jahrzehnte dauern, bis E-Autos signifikant zur C02-Reduktion beitragen – auch wegen der oben genannten negativen Wirkungen. Wussten Sie, dass die EU der zweit–größte Waldvernichter des Planeten ist? Wir importieren einen Großteil des Sojas, des Palmöls und des Rindfleischs, das auf den abgebrannten Regenwaldflächen in Südamerika und Indonesien angebaut und produziert wird (der Orang-Utan im Bild eingangs wird aus einem abgeholzten Regenwald geborgen).

„Alle Wirkungen mit einbeziehen“

Bei Geldanlagen gilt es insbesondere ein Gespür für die negativen Nebenwirkungen und unbeabsichtigten Konsequenzen und deren Bewertung zu entwickeln. So sollten Sie bei Investitionen in die saubere Wasserkraft auch den Bebauungsgrad der Flüsse und die Auswirkungen auf die Ökosysteme um die Flüsse ins Kalkül miteinbeziehen. Bei Investitionen in „Bio-Kraftwerke“ auf Holzbasis sollten Sie berücksichtigen, dass – „Bio“-hin oder her – klarerweise C02 freigesetzt wird, und Sie mit beitragen zur Abholzung (siehe auch die geplanten Holz-Großkraftwerke in Frankreich und England). Mit einem Klima-Szenario-Simulator wie z.B. „en-Roads“ von Climate Interactive erschließen sich die komplexen Zusammenhänge des Klimawandels – sowohl für Asset-Manager als auch für Privatpersonen.

Also, „Gutes Tun wollen“ mit dem Geld ist ein guter Anfang. Die Wirkungen durchdenken und berücksichtigen ist besser. Impact-Strategien, Mindful Finance, und Klima-Szenario-Simulationen helfen dabei, die für uns und unseren Planeten richtigen Geldentscheidungen zu treffen.

Ihr
Friedhelm Boschert

Titelfoto: Mit Erlaubnis von © International Animal Rescue Indonesia dargestellt.

2 Kommentare Neuen Kommentar hinzufügen

  1. Aglaë Hagg sagt:

    „Wollen ist wie machen, nur fauler“, sagte gestern ein Bekannter zu mir.
    Dr. Boschert hat völlig recht. Aber passen wir also auch auf, daß wir vor lauter Vorsicht beim Umsetzen, was wir wollen, am Ende gar nichts gebacken kriegen.
    Manchmal ist auch der Weg das Ziel. Eine augenscheinlich gute Investition mit vordergründig keinem großen Schaden kann oft menschliches Leben retten, Existenzen absichern und – am wichtigsten – Frieden sichern. Dies mag zu einer gut überlegten UND raschen Entscheidung für soziale Wirkung führen: „wer schnell (etwa zur Selbsthilfe) hilft, hilft doppelt!“

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